In den BNN vom 20.3.2025 erschien folgender Artikel:
Liebe und Leid im dystopischen Paris
Probenbesuch in Ettlingen:
Intendantin Solvejg Bauer verlegt die Oper „La Bohème“ in düstere Zukunft.
Irgendwann fiel dem Opernkomponisten Giacomo Puccini ein Buch mit dem Titel „Scènes de la Vie de Bohème“ in die Hand – und begeisterte ihn. „In dem Buch war alles, was ich suchte und liebe: die Frische, die Jugend, die Leidenschaft, die Fröhlichkeit, die schweigend vergossenen Tränen, die Liebe mit ihren Freuden und Leiden. Das ist Menschlichkeit, das ist Empfindung, das ist Herz. Sofort sagte ich mir: Das ist der ideale Stoff für eine Oper“, lautet ein überliefertes Zitat.
Das war die Geburtsstunde seiner Oper „La Bohème“, die 1896 uraufgeführt wurde.
„Absolut, das deckt sich vollkommen mit meiner Intention. ,La Bohème‘ ist ein ideales Stück für uns, weil es jugendliche Kraft ausstrahlt“, sagt Solvejg Bauer, Intendantin der Schlossfestspiele Ettlingen. Sie inszeniert die Oper für die neue Spielzeit.
Eine opulente Aufführung soll es werden, mit einem internationalen Ensemble von Sängerinnen und Sängern, die aus 200 Bewerbungen ausgesucht wurden. „La Bohème sieht man oft mit 50-jährigen Opernsängern, denen man die Karriere und Zeit ansieht und anhört. Wir haben mit der Talentschmiede immer sehr junge Sängerinnen und Sänger und wir können mit dieser Kraft auch arbeiten“, meint Bauer. Dazu kommen das Kammerorchester der Schlossfestspiele, der Kinderchor und der Bürgerchor. Für den sei die Puccini-Oper Königsklasse: „Die haben ganz viele schwierige Einsätze. Wir sind jetzt angekommen im großen italienischen Opernfach.“ Etwa 100 Menschen sind an der Aufführung beteiligt, auf der Bühne und hinter den Kulissen.
Noch steht aber die große Bühne im Schlosshof nicht zur Verfügung, geprobt wird dieser Tage im Kasino. Die Kulisse ist karg – das einzig Spektakuläre sind zwei rote Fässer aus Metall. Es herrscht konzentrierte Arbeitsatmosphäre. Am Pult steht der junge Dirigent Johannes Bettac, der zum ersten Mal in Ettlingen arbeitet. Er ist Absolvent der renommierten Dirigierklasse von Nicolás Pasquet an der Escuela Superior de Música Reina Sofía in Madrid und hat bei zahlreichen Wettbewerben Preise gewonnen. Zusammen mit ihm geht die Intendantin einzelne Szenen durch, macht detaillierte Vorschläge und korrigiert: „Kannst du ein bisschen später diese ‚Ola‘ machen, sodass eine Pause entsteht?“ Und schon ändert sich die Anmutung einer Szene.
Worum geht es gerade? Der junge Dichter Rudolfo und seine Freunde träumen von Freiheit, Unabhängigkeit und Kunst und zahlen dafür einen hohen Preis: Sie leben in kalten Dachkammern und Armut. Da tritt die engelsgleiche Nachbarin Mimi in Rudolfos Leben. Zwischen den beiden entspinnt sich eine Liebesgeschichte, und es scheint bergauf zu gehen. Doch Mimi ist todkrank. „Ein jugendlicher Körper ist dem Tod geweiht“, erläutert Solvejg Bauer. „Was macht das mit denen, die überleben? Was macht das auch mit dieser jungen Frau, die so früh und eigentlich auch mit ganzem Lebensmut und Lebenswillen scheitern muss und das auch über lange Zeit weiß?“
Spielt Puccinis Oper im Paris des 19. Jahrhunderts, hat Bauers Inszenierung die Handlung in ein dystopisches Paris der Zukunft verlegt, „wenn alle Ressourcen versiegt sind und wir kollektive Armut sehen“. Das findet seinen Ausdruck auch im Bühnenbild: „Wir sehen ein versunkenes Paris. Der Eiffelturm ist verrostet und umgekippt. Es ist eine Welt, in der die Menschen, die sich nicht anpassen wollen, die Künstler, die Bohème, nichts mehr haben“, erklärt Bauer. Das Wasser sei knapp, die Luft verpestet. „Und in dieser Welt versuchen die jungen Menschen trotzdem, Spaß zu haben und zu leben und zu lieben, und das geht gehörig schief.“
Bühnenbildner Christian Held zeigt das Modell an seinem Laptop. Für ihn lag die Herausforderung darin, einen Eiffelturm zu bauen, der als solcher erkennbar ist. „Darum habe ich geschaut, was die prägnanten Zeichen sind. Da sind zum einen diese Bögen, zum anderen diese Turmspitze. Dann kam die Überlegung: Wie sieht eine abgebrochene Turmspitze aus, die aus 300 Metern Höhe auf den Boden kracht?“ Es sei nicht ganz einfach, dieses „Kaputte“ zu zeichnen und herzustellen. „Die Teile dürfen außerdem nicht zu schwer sein, und sie müssen bekletterbar sein“, so Held. Der Realitätscheck beginnt Ende Mai mit den Proben auf der großen Bühne.