Aus den BNN vom 13.7.2024
Nazis werden lächerlich gemacht
Der Komödienklassiker „Sein oder Nichtsein“ findet Anklang beim Premierenpublikum
Ettlingen. S’Äffle fehlt noch, s’Pferdle isch schon da. Jedenfalls auf dem Wappen des Stuttgarter Elektroboliden, der sich als erster Eindruck ins Bild zwischen die Premierenbesucher der Komödie „Sein oder Nichtsein“ vor dem Ettlinger Schloss schiebt. Gespannte Erwartung liegt in der warmen Sommerluft, dazu wird ein Glas Prickelndes getrunken.
„Wir waren noch nie hier und lassen uns überraschen“, sagt Maximilian Vohl, ein junger Karlsruher, der mit seiner Freundin Alina Huber gekommen ist. „Ein bisschen habe ich mich informiert und ich erwarte etwas sehr Spannendes und politisch Aufgeladenes“, so Huber.
Intendantin Solvejg Bauer begrüßt Bekannte am großen Schlossportal. „Auf die Publikumsreaktion bin ich gespannt. Bei den beiden Schulklassen als Probepublikum hat es auf jeden Fall gezündet“, so Bauer, auch Regisseurin des Stücks. Die Elftklässlerinnen Gioia Enczmann und Claire Mann gehören zu einer dieser Klassen und spielen selbst in der Theater-AG ihres Lehrers Michael Polty am Eichendorff-Gymnasium. „Eindrucksvoll“, meint Claire über das Stück. „Die Wechsel stockten noch ein bisschen, aber noch war es ja nur eine Probe“, merkt Gioia sachverständig an. Dann ruft der Gong das Auditorium in den Schlosshof auf seine Plätze und die Schauspielkomödie von Nick Whitby nach dem Film von Ernst Lubitsch aus dem Jahr 1942 nimmt mit einem glänzend aufgelegten Ensemble Fahrt auf. Wo im Film schwarze SS-Uniformen die Fallhöhe beträchtlich steigern, wenn die Nazis zu Trotteln gemacht werden, fällt bei der Ettlinger Inszenierung die Wahl auf Fantasie-Uniformen in orangefarbenem Latex.
„Ich finde die Müllmänner-Optik witzig“, sagt Gunnar Petersohn, der mit seiner Frau Birgit schon die dritte Vorstellung dieser Spielzeit besucht, in der Pause. Wie die meisten Befragten kennen auch sie den Film nicht. „Die Darsteller sind sehr gut und das Stück macht richtig Spaß, allerdings zucke ich jedes Mal zusammen, wenn der Hitler-Gruß kommt“, ergänzt Ehefrau Birgit.
Sehr angetan zeigt sich auch Ulrike Kappesser. Die Rektorin des Ettlinger Heisenberg-Gymnasiums lobt die tolle Musik und die kurzweilige Inszenierung. Sie hat „kein Problem, dass mit dem ernsten Hintergrund humorvoll umgegangen wird“.
Mit einem anrührenden Gute-Nacht-Lied auf Hebräisch und Arabisch, dargebracht von Manar Elsayed, der Darstellerin der Anna, und dem Ensemble, endet das Stück, das mit viel Applaus bedacht wird. Bei der anschließenden Premierenfeier hebt Ettlingens Oberbürgermeister Johannes Arnold (Freie Wähler) die „gelungene Balance zwischen Ernsthaftem und Klamauk“ hervor.
Der 16-jährige Tim Speck von der Realschule am Rennbuckel in Karlsruhe ist als „Der junge Grünberg“ der jüngste Darsteller und seit 2019 im Ensemble dabei. Vor dem Auftritt sei er sehr aufgeregt, aber auf der Bühne und spätestens bei der zweiten Aufführung lege sich das. Er stellt fest: „Text lernen fällt mir leichter als Vokabeln lernen.“
Kategorie: Aktivitäten Seite 6 von 14
Aus den BNN vom 14.7.2024
Die Premiere von „Sein oder Nichtsein – Heil Hamlet“ überzeugt bei den Schlossfestspielen
In Ettlingen sind die Nazis knallorange
Der überdrehte Regisseur ist völlig durch den Wind, der Hauptdarsteller und die Diva liefern sich einen Wettbewerb in Sachen Eitelkeit. „Sein oder Nichtsein“, das wohl bekannteste Zitat von William Shakespeare, bezieht sich bei der jüngsten Premiere der Ettlinger Schlossfestspiele nicht nur auf dessen Stück „Hamlet“. Dass es im Wortsinn um das nackte Überleben geht, zeigt sich in der Komödie „Sein oder Nichtsein“ von Nick Whitby nach dem gleichnamigen Film von Ernst Lubitsch schnell genug.
Eigentlich will das Ensemble des Polski Theaters eine Anti-Nazi-Komödie aufführen, dafür haben sie sich passende Kostüme beziehungsweise Uniformen geschneidert. In Ettlingen sind die Nazis knallorange (Kostüme: Gesa Gröning). Darsteller Grünberg soll Hitler spielen und tut das umwerfend. Er tänzelt wie ein Model nach vorne und haucht als Antwort auf die „Heil Hitler“-Rufe des Ensembles „Ich heil mich selbst“.
Der erste Lacher von vielen im Lauf des Stückes. In kürzester Zeit werden sämtliche Theaterklischees abgehandelt. Grünberg ist sauer, weil er eigentlich gar keinen Text hat. Der Regisseur ist verzweifelt, weil kurz vor der Premiere noch nicht ein Durchlauf geklappt hat. Das Hauptdarsteller-Ehepaar Josef und Maria Tura streitet sich, wer der bessere Schauspieler ist. Doch der Beamte der Zensurbehörde kommt mit der Mitteilung, dass dieses Stück aus Rücksicht auf das Nazi-Regime nicht gespielt werden darf. Stattdessen fordert er Schauspielerin Eva auf, eigens für ihn zu sterben, weil er ihren Tod als Ophelia so schön findet.
Also spielt das Polski Theater zum 303. Mal „Hamlet“ in einer schrägen Kurzversion. Philipp Butz hat als Hamlet-Darsteller Josef Tura kaum mehr zu tun als zu posieren, zu zucken und zu sterben. Dabei sieht er, wie ein gutaussehender junger Mann im Zuschauerraum aufsteht und geht. Es handelt sich um Fliegerleutnant Sobinsky, der in Maria Tura verliebt ist.
Die wiederum nutzt Hamlets langen Monolog, um mit Sobinsky eine Affäre anzufangen. Yannic Blauert spielt Sobinsky geradezu rührend naiv. Lotta Hackbeil verleiht Maria Tura das Auftreten eines Filmstars der 1930er Jahre. Und sie beherrscht alle Facetten des Flirtens. Während man sich also durch „Hamlet“ als Nummernrevue im Burlesque-Stil hangelt, bricht der Krieg aus. Das Bühnenbild von Christian Held zeigt hier seine Stärke: Die Bretter, auf denen eben noch gespielt wurde, brechen.
Von den deutschen Truppen aus ihren Wohnungen vertrieben, richtet sich das Ensemble im Theater ein und sammelt sich frierend um den Kohleofen. Dann taucht der verwundete Sobinsky auf und verwickelt das Polski Theater in die Rettung des polnischen Widerstands.
Professor Silewski, der für die Gestapo spioniert, soll in Warschau Gruppenführer Erhardt eine Liste mit Namen von Widerstandskämpfern übergeben. Mit den Nazi-Kostümen aus der nicht aufgeführten Anti-Nazi-Komödie wollen die Schauspieler Silewski vorgaukeln, er sei im Gestapo-Hauptquartier. Sascha Stead gibt den Professor herrlich skurril. Leider klappt die List nicht ganz so wie geplant. Der Professor wird erschossen, Maria Tura von der Gestapo abgeholt.
Gruppenführer Erhardt erweist sich ebenfalls als schräger Vogel, der einer Nudisten-Bergsteigergruppe angehört und einen Fitness-Wahn pflegt. Die arme Maria muss in ihrem langen weißen Kleid auf seinen Befehl hin Seilspringen. Dirk Wittun gelingt es, der Figur des Erhardt eine Art brutalen Charme und ausreichend Bösartigkeit zu geben. Zu gern würde Erhardt mit der schönen Maria anbandeln. Sie geht zum Schein darauf ein. Lotta Hackbeil lässt da zugleich die Angst und den Widerwillen Marias durchscheinen. Um die Namensliste und auch das Ensemble des Polski Theaters vor dem Zugriff der Gestapo zu retten, schlüpft Josef Tura in die Rolle seines (Über-)Lebens. Er spielt Erhardt erst den Professor und dann einen polnischen Nazi vor.
Tempo und Timing von Solvejg Bauers Inszenierung stimmen. Es gibt bewusst überdrehten Klamauk, aber auch ernste Momente. Zum Erfolg der bejubelten Premiere von „Sein oder Nichtsein“ trägt auch die zwischen Klezmer, osteuropäischer Volksmusik und Jazz angelegte Musik der Gruppe „Black Sea Shipping Company“ bei.
Viel Lob und ein zerrissenes Kleid
(Artikel aus den BNN am 22. Juni, Foto: Werner Bentz)
Musical „Evita“ feiert Premiere im Schloss / OB Arnold kürt Ettlingen zum „Musical-Weltmeister“
Ettlingen. „Che hat mir in der ersten Szene schon mein Kleid zerrissen!“, beschwert sich Janina Wilhalm mit einem Augenzwinkern nach der „Evita“-Premiere im Gespräch mit der Redaktion. Sie spielt die Hauptrolle bei der Inszenierung für die Schlossfestspiele Ettlingen und stellt gleich richtig: „Das wichtigste Gefühl ist Erleichterung. Man ist vor einer Premiere ja immer etwas angespannt, ob auch wirklich alles klappt.“ Sie wirkt zufrieden und ist glücklich über die vielen positiven Rückmeldungen vom Publikum.
Tatsächlich schaut man in lauter strahlende Gesichter nach dem Schlussapplaus. Trotz des tragischen Endes des Musicals sind die Zuschauer glücklich. „Das war toll umgesetzt. Ich fand es richtig gut!“, schwärmt eine Frau in Pink lautstark beim Herausgehen. Ein Begleiter bestätigt: „Die Ideen haben mich beeindruckt.“ Schon vor der Aufführung ist die Stimmung unter den Besuchern auf dem Schlossplatz gelassen. „Ich habe das Musical schon ein paar Mal gesehen und bin gespannt, wie es heute inszeniert ist. Hoffentlich hat die Hauptdarstellerin eine gute Stimme“, meint Elke Blüher aus Ettlingen. In der Pause strahlt sie: „Ich bin sehr zufrieden!“ Auch Andrea Prager-Schmidt aus Stutensee freut sich über eine „sehr gute Umsetzung“. Im vergangenen Jahr sei sie auch mal von einer Inszenierung enttäuscht gewesen, von „Evita“ aber ist sie zur Pause begeistert. In der Reihe vor ihr lesen sich zwei Zuschauerinnen noch einmal den Wikipedia-Artikel zur Lebensgeschichte der Argentinierin Evita Perón vor. Sie sind gefesselt von der Geschichte, die im Musical erzählt wird. „Stimmgewaltig“, „tolle Kostüme“, „beeindruckende Kulisse“ – Catarina und Christian Kögele aus Karlsruhe sehen zum ersten Mal eine Musical-Inszenierung dieser Dimension. Dass das Stück auf verschiedenen Ebenen, mal auf der großen Bühne, mal auf dem Balkon, mal aus den Fenstern heraus, gespielt wird, kommt besonders gut an.
Die Bühne und wie sehr sie „breit ausgenutzt“ wurde, gefällt auch Ettlingens Oberbürgermeister Johannes Arnold. Und er meint damit vor allem die vielen Menschen, die mitwirken. Jung und Alt, die Kinder, der Bürgerchor, alle zusammen auf der Schlossbühne – das sei schön zu sehen, erzählt er auf dem Weg zur Premierenfeier. Dort ergänzt er bei seiner Ansprache, in Anspielung auf die laufende Fußball-EM: „Ettlingen ist Musical- und Kulturweltmeister!“ Intendantin Solvejg Bauer erwidert: „Im letzten Jahr hatten Sie uns noch in der Zweiten Liga verortet, jetzt sind wir Weltmeister. Das ist dann wohl ein großer Erfolg!“
Auch sie findet viele lobende Worte für das ganze Ensemble vor und hinter den Kulissen. Und auch ihr ist die Erleichterung nach der geglückten Premiere anzusehen. So feiern sich Darsteller und Maskenbildnerinnen, Musiker und Choreografinnen, Sängerinnen und Bühnenbildner bei Sekt und Häppchen bis in die Nacht selbst.